Carl Mühlbach im hr INFO Interview zum Thema Rente.
hr-Info:
Wie lange haben Sie noch Zeit bis zur Rente? Da werden jetzt wahrscheinlich zigtausend verschiedene Antworten kommen. Klar ist auf jeden Fall eines Je jünger sie sind, desto länger wird das nach hinten raus dauern bis zum Regeleintrittsalter für die Rente. Darüber wird ja gerade diskutiert in der Politik. Die Bildzeitung hat da heute für ziemlichen Wirbel gesorgt mit der Meldung, dass angeblich die Rentenkommission der Bundesregierung über eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters nachdenkt.
Das war jetzt nicht so überraschend, aber am Ende kam dann die Nachricht, Da kommt dann die Rente mit 70. Darüber hinaus könnte auch das Rentenniveau sinken. Jetzt ist da noch gar nichts offiziell beschlossen. Die Kommission hat noch nicht mal ihren Bericht vorgelegt. Es heißt aber, es gebe wohl diesen Konsens, dass das Renteneintrittsalter steigen soll, Schritt für Schritt, aber halt keine Festlegung bislang.
Viele Jüngere fragen sich trotzdem, wie das überhaupt noch funktionieren soll mit der Rente. Und darüber habe ich gesprochen, mit Karl Mühlbach. Er ist Geschäftsführer von Fiscal Future. Das ist eine junge, überparteiliche Initiative, die sich mit Finanzthemen beschäftigt. Herr Mühlbach, viele junge Leute haben ja das Gefühl, für unsere Generation wird die gesetzliche Rente kaum noch reichen. Später. Ist die Sorge berechtigt oder wird das System im Moment schlechter geredet, als es wirklich ist?
Carl Mühlbach:
Also die Sorgen sind tatsächlich sehr groß bei jungen Menschen. 1/3 der jungen Menschen glauben auch gar keine gesetzliche Rente in Zukunft zu bekommen. Aber wir bei Fiscal Future beschäftigen uns sehr intensiv mit diesem Thema. Diese Sorge ist natürlich völliger Unfug. Also auch meine Generation. Ich bin jetzt dieses Jahr 30 geworden. Wird eine gesetzliche Rente bekommen. Das ist aber der Effekt der ganzen Schwarzmalerei.
Also die Rente ist schon deutlich besser als ihr Ruf. Warnungen, dass sie vor dem Zusammenbruch stünde, sind völlig überzogen. Die gesetzliche Rente ist verhältnismäßig sicher. Das System ist wirklich deutlich stabiler, als oft behauptet wird.
hr-Info
Jetzt reden ja viele über diesen Bericht, dass es eine mögliche Rente mit 70 geben könnte. Irgendwann mal, das ist, wie gesagt, alles noch nicht beschlossen.
Selbst die Diskussionen darüber sind so nicht bestätigt worden. Aber angenommen, das käme so, ist das am Ende nicht eine Rentenkürzung? Denn wer arbeitet schon bis 70?
Carl Mühlbach:
Dieser Vorschlag wird diskutiert, weil auch die Lebenserwartung in Deutschland steigt. Und dann gibt es Vorschläge, zum Beispiel Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Dass ähnliche Anteile gearbeitet und im Ruhestand verbracht werden.
Das finde ich auch erst mal einleuchtend. Wenn man sich aber jetzt schon die vergangenen Steigerungen des Renteneintrittsalters anschaut, dann ist das Renteneintrittsalter überproportional gestiegen im Verhältnis zur Lebenserwartung. Deshalb bin ich eher skeptisch, auch aus verschiedenen Gründen. Was eine Rente mit 70 für alle angeht. Weil es sind nicht alle in der Lage, ihrem Beruf so lange nachzugehen. Und für diese Menschen ist es elementar, dass es einen gerechten und adäquaten Übergang in die Rente gibt.
Das betrifft die Gerechtigkeit innerhalb Generationen. Und wenn ich jetzt an die Interessen meiner Generation denke, an die Generationengerechtigkeit, eine schrittweise Anhebung bis in die 2060er Jahre, dass man dann mit 70 in Rente geht. Das würde ja dazu führen, dass wir jetzt in den nächsten Jahrzehnten noch einen Renteneintritt mit 65 oder 67 finanzieren, selber dann erst aber mit 70 in Rente gehen dürfen.
Abgesehen davon, dass gar nicht alle in der Lage sind, so lange zu arbeiten, wäre das natürlich das Gegenteil von dem Interesse junger Menschen.
hr-Info:
Aber wenn ich Sie richtig verstehe, ist so eine schrittweise Anhebung des Rentenalters, weil die Leute einfach länger leben und weil wir auch diesen demografischen Wandel haben, der ja zum Problem in der Rentenkasse führt, das ist grundsätzlich nicht verkehrt, höre ich da raus.
Carl Mühlbach:
Auch wir bei Fiscal Future sind definitiv offen dafür, uns damit zu beschäftigen, wann für welche Personen, ich sage mal, der ideale Zeitpunkt ist, um in Rente zu gehen. Aber da kann ja auch viel mit Optionen und mit Ermöglichung gearbeitet werden. Also die, die halt fit sind und weiterarbeiten wollen, die sollen auch weiterarbeiten können. Aber so eine schrittweise Anhebung auf 70, das halte ich für unpassend tatsächlich.
hr-Info:
Es wird ja auch immer wieder gefordert, dass Beamte und Selbstständige eben auch stärker in die gesetzliche Rentenversicherung einbezahlen sollen. Bislang sind die ja außen vor. Halten Sie das für sinnvoll?
Carl Mühlbach:
Jetzt sind wir ja auch ein Verein junger Ökonomen, und die ökonomische Theorie ist da ganz, ganz klar. In einer Versicherung ist es so je mehr verschiedene Menschen und verschiedene Risiken in einem System drin sind, desto besser können sich diese Risiken gegenseitig abfedern.
Das heißt, dürfte ich jetzt ein Rentensystem neu bauen, dann würde ich eine Erwerbstätigenversicherung bauen, in die alle Personengruppen einzahlen. Und das jetzt haben wir schon ein bestehendes System. Trotzdem ist es aus meiner Sicht ein gutes Zielbild, diese Erwerbstätigenversicherung zu haben. Auch für das bestehende System. Man muss dann halt schauen, wie man Selbstständige und Beamte sinnvoll in das System integrieren kann. Es ist auf jeden Fall den Aufwand wert.
hr-Info:
Privat vorsorgen ist das andere Stichwort und ich habe es so herausgehört bei Ihnen, dass Sie Ja sagen. Na ja, die Rente müssen wir schon neben der gesetzlichen auf mehrere Füße stellen. Was ist mit Leuten? Also gerade junge Leute, die noch nicht so viel verdienen, die noch nicht privat vorsorgen können.
Carl Mühlbach:
Wir haben ja in Deutschland ein dreigliedriges Rentensystem die erste Säule ist die gesetzliche, die zweite die betriebliche und die dritte die private Altersvorsorge.
Das ist aber auch irreführend, weil die erste Säule, die gesetzliche Rente, die ist das absolute Fundament. Es gibt ja auch viele Menschen, die nur auf die gesetzliche Rentenversicherung zugreifen können, weil der Arbeitgeber eben keine betriebliche Altersvorsorge anbietet oder weil am Ende des Monats eben nichts mehr übrig bleibt für die private Altersvorsorge. Und diese Menschen sollten wir ganz besonders in den Blick nehmen.
Und deshalb ist es mir auch ein wichtiges Anliegen aus Sicht junger Menschen auch, dass eben die gesetzliche Rente ein möglichst starkes Absicherungsniveau bietet. Haben wir aber auch Diskussionen über verpflichtende Elemente in der betrieblichen Altersvorsorge? Also dass man das Sicherungsniveau des Gesamtsystems erhöht, indem alle Menschen in den Genuss einer betrieblichen Altersvorsorge kommen sollen. Auch das ist durchaus ein sehr, sehr sinnvoller Weg. Wie Sie es eben gesagt haben: private Altersvorsorge ist für die, die es können, gut und das möchte ich auch allen raten. Aber es können eben nicht alle privat vorsorgen und das darf man nicht aus dem Blick verlieren.
hr-Info:
Die Einschätzung von Carl Mühlbach. Er ist Geschäftsführer des Vereins FiscalFuture. Das sind junge Leute, die sich über Finanzthemen Gedanken machen. Wir haben gesprochen über die Meldungen, wonach angeblich langfristig über eine Rente mit 70 nachgedacht wird. Da ist allerdings noch nichts beschlossen